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Interview mit Tatjana Isajewa
11.12.2018
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Interview mit Tatjana Isajewa

Von Clara Weiss 
26. November 2014

 

Alexander Woronski

Tatjana Isajewa ist die Enkeltochter des marxistischen Literaturkritikers Alexander Konstantinowitsch Woronski (1884-1937). Woronski, ein Bolschewik seit 1904, nahm an allen drei russischen Revolutionen 1905 und 1917 teil. Später war er ein bedeutendes Mitglied der Linken Opposition. Als Redakteur der Literaturzeitschrift Krasnaja Now‘ (Roter Jungfernboden) war Woronski einer der einflussreichsten Literaturkritiker der 1920er Jahre und ein vehementer Gegner des aufkommenden Proletkultes. Im Oktober 1929 verließ er offiziell die Linke Opposition. Er wurde unmittelbar nach dem Zweiten Moskauer Prozess am 1. Februar 1937 verhaftet und am 13. August 1937 erschossen. 1957 wurde er rehabilitiert.

Sowohl seine Frau, Sima Solomonowna, als auch seine Tochter, Galina Alexandrowna, wurden verhaftet, nach Artikel 58 des sowjetischen Strafgesetzbuches für „konterrevolutionäre trotzkistische Aktivitäten“ verurteilt und in Arbeitslager geschickt. Sima Solomowna wurde, bereits schwer an Krebs erkrankt, 1943 frei gelassen und starb bald darauf. Galina Alexandrowna (1914-1991) verbüßte ihre Strafe in Kolyma, einer Region im Fernen Osten der ehemaligen Sowjetunion. Ihre zweite Tochter, Tajana Iwanowna Isajewa wurde 1951 dort geboren. Seit den 1990er Jahren hat Tatjana Isajewa eine Reihe von Büchern in Kleinauflagen veröffentlicht, darunter ein Großteil der Werke Woronskis sowie die Memoiren ihrer Eltern.

 

Was wissen Sie über Ihren Großvater Alexander Woronski?

 

Tatjana Isajewa

Ich weiß wahrscheinlich nicht mehr als Sie. Ich weiß nur, was meine Mutter mir erzählt hat, und sie selbst wusste nicht viel über ihn und die Linke Opposition. Immer wenn sie ihm in den 1930er Jahren Fragen dazu stellte, antwortete er, sie solle sich um ihren eigenen Kram kümmern. Meine Mutter setzte später alles daran, ihn zu rehabilitieren und seine Arbeiten zu veröffentlichen. Meiner Meinung nach waren seine Arbeiten für die Krasnaja Now‘und sein Kampf gegen den Proletkult sein bedeutendster Beitrag zur Literaturkritik. Er betonte immer, dass man die Klassiker lesen und von ihnen lernen müsse. Als Redakteur der Krasnaja Now‘ verteidigte er einige der größten Schriftsteller seiner Zeit.

Können Sie mehr von Ihrer Familie und Ihrem eigenen Leben erzählen?

Kurz nach der Hinrichtung meines Großvaters wurde Großmutter verhaftet. Bald darauf ist auch meine Mutter verhaftet worden. Sie war damals erst 23 und stand kurz vor ihrem Abschluss des Studiums am Literarischen Institut in Moskau.

Meine Großmutter wurde 1943 frei gelassen, aber da war sie schon schwer krank und ist bald gestorben.

 

 

Galina Woronskaja

Meine Mutter, Galina Alexandrowna, wurde zuerst zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt, die sie in Kolyma auf einem Sowchos [einem staatlichen Bauernhof] verbüßte. Sie hätte eigentlich 1942 frei gelassen werden sollen, doch während des Krieges wurden Leute, die unter Artikel 58 verurteilt worden waren, nicht frei gelassen. Ihre Strafe wurde auf 22 Jahre verlängert. Glücklicherweise ließ man sie jedoch schon früher, im Jahr 1944, frei. Im Lager traf sie auch Genrietta Rubinschtein, die Ehefrau von Sergei Sedow (1908-1937),  Trotzkis jüngerem Sohn. Ihre Familie ist später nach Israel emigriert.

1944 heiratete sie meinen Vater, Iwan Isajew, der ebenfalls politischer Gefangener war.  Die beiden kannten sich schon vom Literarischen Institut in Moskau, wo sie gemeinsam studiert hatten. 1945 wurde meine Schwester Walentina Iwanowna, die später Historikerin für alte Geschichte wurde, geboren. Im Jahr 1949 ist meine Mutter abermals verhaftet worden. Ich wurde 1951 in Kolyma geboren. 1955 wurde mein Vater rehabilitiert und durfte wieder der Partei beitreten.  Er war sogar einer der ersten freigelassenen Häftlinge, die unter Artikel 58 verurteilt worden waren. Zwei Jahre später wurden meine Mutter und meine Großeltern rehabilitiert, sodass wir endlich nach Moskau zurückkehren konnten.

 

 

Iwan Isajew 1937 im Jahr seiner Verhaftung

Doch die Rückkehr war nicht einfach. Es dauerte zwei Jahre, bis wir endlich eine Wohnung bekamen und die war in einer Chruschtschowka [fünfstöckiger Plattenbau]. Die schöne Wohnung an der Moskwa, wo meine Großeltern gelebt hatten, bekamen wir nicht zurück. Und wir wurden auch weiterhin vom KGB überwacht. Unser Telefon wurde abgehört, und von Zeit zu Zeit tauchten bei uns seltsame Gestalten auf, die sich als Bewunderer meines Großvaters ausgaben und viel über die Linke Opposition und den Tod von Frunse  wissen wollten. Als ich in den 1990er Jahren begann, Werke von Woronski herauszugeben, wurde ich auch wieder abgehört. Ich weiß nicht, ob ich jetzt noch überwacht werde. Ich glaube es nicht, aber ehrlich gesagt, ist mir das auch egal. Sollen sie kommen und alles mitanhören, wenn sie nichts Besseres zu tun haben.

Nach unserer Rückkehr aus der Verbannung pflegte meine Familie weiter freundschaftliche Kontakte zu Verwandten ermordeter Oppositioneller, wie Bucharin, Rykow, Serebrjakow und Primakow. Meine Mutter und ich waren auch sehr eng mit Maria Mino befreundet, einem ehemaligen Mitglied der Linken Opposition. Sie starb 1989.

Niemand aus meiner Familie hatte nach den Prozessen noch etwas mit Politik zu tun. Natürlich hatten wir alle unsere Ansichten, aber niemand ist politisch aktiv geworden. Das gilt auch für den Großteil der überlebenden Mitglieder der Linken Opposition und ihrer Verwandten. Die offizielle Politik war prinzipienlos und abstoßend.

Wurden alle Werke Woronskis bis heute veröffentlicht?

Ja, alle Werke Woronskis sind wieder erschienen. Aber ich habe nur die Arbeit meiner Mutter fortgeführt, die sie nicht mehr geschafft hatte. Trotz großer Hindernisse hat sie es erreicht, die Herausgabe aller seiner Schriften auf den Weg zu bringen. Meine Arbeit als Herausgeberin war letztlich nur technischer Art.

Ich muss mich jetzt mit der anderen editorischen Arbeit beeilen, denn ich habe den Eindruck, dass die Daumenschrauben in politischer Hinsicht wieder angezogen werden.

 

Wie war die Reaktion auf Woronskis Bücher?

 

Alexander Woronski im Jahr 1929

Als meine Mutter einige seiner Werke unter Breschnew in den 70ern veröffentlichte, waren die Reaktionen äußerst zurückhaltend, und die Parteipresse verleumdete ihn immer noch wegen seiner „anti-marxistischen Herangehensweise“. Deshalb hatte ich keine großen Erwartungen, als ich selbst mit der Veröffentlichung seiner Arbeiten begann. Ich war einfach der Auffassung, dass dies meine Pflicht wäre. Aber die Reaktionen waren bisher recht positiv. Ich war überrascht, dass mich das Pädagogische Institut in Moskau zu seinen Scheschukow-Vorlesungen eingeladen hat. Scheschukow hat ein berühmtes Buch über die literarischen Debatten in den 1920ern geschrieben, in dem er meinen Großvater natürlich erwähnen musste. Die Studenten am Institut interessierten sich sehr für seine Arbeiten. Das hat mich natürlich gefreut. Falanster [ein alternativer Buchladen in Moskau] ist auch sehr am Verkauf seiner Bücher interessiert und Molodaja Gwardija [„Junge Garde“, ein Verlag, der die berühmte Biographie-Serie „Leben herausragender Menschen“ herausgibt] brachte 2009  seine Gogol-Biographie heraus. Es gibt also ein Interesse an seinen Werken.

 

 

Wie ging man in der Sowjetunion mit der Geschichte der Linken Opposition um, und wie sieht es heute aus?

Ich selbst weiß nicht viel über die Linke Opposition. Es gab einen Historiker, Wadim Rogowin, der eine Reihe von Büchern über die Opposition geschrieben hat. Mir scheint, dass er den nüchternsten Blick auf diese Geschichte hatte. Leider ist er früh gestorben, in den späten 1990er Jahren.

Was die Linke Opposition in der Sowjetunion betrifft: Ein Freund hat mir einmal eine Geschichte aus der Breschnew-Zeit erzählt. Ein Hochschullehrer in Cherson [einer Stadt in der Süd-Ukraine], der in der Partei war und so auch Zugang zu Archiven hatte, ist einmal zufällig auf Akten zur Linken Opposition gestoßen. Er schrieb ein wenig dazu, erst einen Artikel und dann ein Buch, das er in Cherson veröffentlichen ließ. Doch dann hatte er eine schlechte Idee. Er schickte das Buch nach Moskau und wollte die dortige Meinung erfahren. Der Parteifunktionär aus Moskau, der daraufhin nach Cherson kam, war außer sich vor Wut. Er meinte: „Wie zum Teufel sind Sie auf die Idee gekommen, über Trotzki zu schreiben?“ Der arme Mann war ganz verschreckt und stammelte: „I –i- ich ha-a-a-be ga-ga-gar nichts über Trotzki ge-ge-ge-schriebn, nur ü-ü-über einen ge-ge-gewissen Bronstein.“ Der Moskauer Apparatschik erwiderte: „Sie Idiot! Wissen Sie nicht, dass Bronstein Trotzki ist?“

Unter Breschnew löste der Name Trotzki immer noch Angst aus, sogar bis in die frühen Jahre der Perestroika. In der Zeit der Perestroika hatten wir viele Hoffnungen. Wir hatten alles erwartet, nur nicht die soziale Katastrophe, die dann kam. Dennoch gab es eine überwältigende Zahl bisher verbotener Bücher und Informationen, die in diesen Jahren veröffentlicht wurden. Es war überwältigend für die Menschen, die nicht darauf vorbereitet gewesen waren, und selbst für mich, die noch verhältnismäßig viel wusste, war es manchmal einfach zu viel, um es zu verarbeiten.

 

Leo Trotzki

Während der Perestroika gab es erstmals Veröffentlichungen von Trotzki, und ich begann, seine Schriften zu lesen. Wie viele andere stand ich morgens um 6 Uhr auf, um die neueste Ausgabe der Moskowskye Nowosti zu ergattern. Aber dann, gegen Ende dieser Periode, begann eine Zeit der Amalgame, einer gefährlichen Vermischung von Lüge und Wahrheit.Es ist wahr, dass es inzwischen Menschen gibt, die versuchen, zu verstehen was geschehen ist. Und heute lügen sie einfach über die Geschichte. Beispielsweise wird immer wieder behauptet, Lenin, Stalin und Trotzki seien das Gleiche, sie seien allesamt Mörder.

Jungen Menschen wird in der Schule erzählt, dass alle Gefangenen in den Gulags Kriminelle waren, nicht-Kriminelle gar nicht erst verhaftet wurden, und so weiter. Und diese Generation hat absolut keine Immunität gegen diese Art von Lügen. Meine Generation war anders: Wir waren immun gegen die Staatsideologie und haben immer alles, was uns erzählt wurde, hinterfragt. Aber die jungen Menschen von heute sind so schutzlos wie Neugeborene und saugen diesen ganzen Unsinn einfach auf.

Diejenigen, die Trotzki kritisieren, haben ihn für gewöhnlich nicht gelesen oder verwenden gefälschte Zitate. Zum Beispiel wird er oft für seine Politik der „Arbeitsarmee“ angegriffen. Diese Frage wird aufgeblasen und als Beweis für seine grausame Politik präsentiert, obwohl es hier um eine sehr konkrete Maßnahme ging. Die Arbeitsarmee war eine vorübergehende Maßnahme unter Bürgerkriegsbedingungen, durch die Soldaten, die zuvor im Krieg gekämpft hatten, eingesetzt wurden, um die Wirtschaft des Landes wieder in Gang zu bringen.

Trotzkis Beiname „der schlimmste Feind des Volkes“ ist bis heute geblieben. Ich streite mich in solchen Fällen gar nicht mehr. Ich habe den Eindruck, viele wollen gar nicht wirklich diese Fragen analysieren und verstehen. Ich glaube zwar, dass es einige gibt, die dies versuchen, aber wie sehr ihnen das gelingt, ist eine andere Frage.

Die Menschen in Russland scheinen von dieser Geschichte schwer traumatisiert zu sein …

Ja, das stimmt. Das sind sie.

Anmerkungen

(1) Sergej Lwowitsch Sedow (1908-1937) war Ingenieur und der jüngere Sohn des Revolutionärs Leo Trotzki. Er hielt sich aus der Politik heraus und emigrierte 1929 nicht mit seiner Familie aus der Sowjetunion. Er wurde 1935 verhaftet und 1937 in Workuta erschossen.

(2) Iwan Stepanowitsch Isajew (1907-1990) wurde 1936 als Student in Moskau verhaftet und wegen „konterrevolutionärer Aktivitäten“ zu fünf Jahren Exil in Kolyma verurteilt. Isajew, der seit 1930 in der Partei war, kannte zwar Mitglieder der Linken Opposition und ihre Familien, darunter die Woronskis, war jedoch selbst nicht in der Opposition aktiv. Später verfasste er mehrere Erzählungen und autobiographische Texte, von denen Tatjana Isajewa einige veröffentlichte. 

(3) Nach dem Tod Stalins 1953 gab es eine Amnestie für politische Gefangene. Schätzungsweise ein Drittel der Gulag-Bevölkerung ist entlassen worden; viele von ihnen wurden in den darauffolgenden Jahren rehabilitiert. Mitglieder der Linken Opposition wurden jedoch meist erst viel später rehabilitiert, manche in den 1960ern, andere erst während der Perestroika in den späten 1980er Jahren. Leo Trotzki wurde in der Sowjetunion nie offiziell rehabilitiert und nach dem Zusammenbruch der UdSSR nur zum Teil.

(4) Michail Wassiljewitsch Frunse (1885-1925), ein führendes Mitglied der bolschewistischen Partei während der Oktoberrevolution und Mitglied des Politbüros in den 1920ern. Er war ein enger Freund Woronskis. Frunse starb während einer Operation 1925, die vom Politbüro angeordnet worden war. Die Umstände seines Todes sind bis heute nicht geklärt. Manches deutet daraufhin, dass Stalin auf der Durchführung der Operation bestanden hatte, obwohl sie eigentlich nicht notwendig gewesen wäre. Sein Tod war nach der Rede von Chruschtschow auf dem Parteikongress 1956 und der Verurteilung des Persönlichkeitskults Gegenstand heftiger Debatten. 1926 hatte Boris Pilnjak in „Die Geschichte vom nichtausgelöschten Mond“ den Tod Frunses beschrieben. Obwohl die Erzählung im Journal Nowy mir von Wjatscheslaw Polonski veröffentlicht wurde, erhielt Woronski eine offizielle Parteirüge wegen der Weitergabe vertraulicher Informationen, die nur wenigen Parteiführern bekannt war und angeblich von Pilnjak verwendet wurden.

(5) Maria Nikolajewna Mino (1897-1989) trat der bolschewistischen Partei 1917 bei und unterstützte die Linke Opposition seit 1923. Sie war die technische Redakteurin des populären Magazins Wlast Sowjetow[Rätemacht] bis sie 1928 aus der Partei ausgeschlossen wurde. Sie war eine der sehr wenigen Linken Oppositionellen, die die Lager und Massenhinrichtungen überlebt haben. Sie kehrte 1956 aus dem Exil nach Moskau zurück.

(6) Stepan Iwanowitsch Scheschukow (1914-1995) war ein sowjetischer Literaturkritiker und Philologe. Sein Buch Aufgebrachte Neider: Aus der Geschichte des literarischen Kampfes der 20er Jahre wurde 1970 veröffentlicht.

(7) Eine neue Auflage des Buches kam 2011 heraus.

(8) Wadim Sacharowitsch Rogowin (1937-1998) war ein sowjetischer Soziologe. Er ist Autor einer siebenbändigen Geschichte der Linken Opposition in der UdSSR von den 1920er Jahren bis zum Angriff Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941. Die deutsche Übersetzung seiner Werke ist im Mehring-Verlag erschienen. 


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